Hintergründe

8 Mythen über Selbstständige und Unternehmensgründer:innen

Selbstständige haben keine Freizeit, können aber machen, was sie vollen. Gründerinnen sind weniger erfolgreich als Gründer. In Krisenzeiten gründen oder sich selbstständig machen – undenkbar! Es gibt viele Mythen und Glaubenssätze über den Berufsalltag von Unternehmer:innen und Selbstständigen. Was davon übertrieben bis gänzlich falsch ist, schaue ich mir in diesem Artikel mit dir zusammen an.

Es gibt viele Mythen über den Lebensalltag von Selbstständigen und Unternehmer:innen

Ist es eine gute Idee während einer weltweiten Krise ein Unternehmen zu gründen oder sich selbstständig zu machen? Als ich die exali GmbH (heute exali AG) Ende 2008 gründete, steckte die Welt mitten in der Finanzkrise. Ich erinnere mich noch, als ich kurz vor meiner Firmengründung in einem Café saß und sich am Nebentisch zwei Selbstständige darüber unterhielten, wie schwierig und furchtbar gerade alles ist. Damals beschloss ich, aufzustehen und das Café umgehend zu verlassen, denn ich wusste, wenn ich dort länger zuhöre, dann würde mich der Mut in Bezug auf meine eigene Unternehmensgründung verlassen. Beide Entscheidungen – das Ignorieren potenzieller Schwierigkeiten und das Gründen meiner eigenen Firma – habe ich bisher nicht bereut.

Wer auf den perfekten Zeitpunkt wartet, der wartet für immer

Wie meine persönliche Geschichte schon zeigt: Zur Gründung oder dem Schritt in die Selbstständigkeit gehört auch eine große Portion Mut – und ein Abwägen der Umstände. Würde ich aktuell ein Restaurant eröffnen? Ich weiß es nicht. Einerseits hängt die Corona-Pandemie noch immer wie ein Damoklesschwert über uns, besonders über der Gastronomie und der Kultur- und Veranstaltungsbranche, andererseits ist vielleicht auch gerade das eine Chance. Wäre es meine Branche, würde ich vielleicht eher zu einem Lebensmittel-Lieferdienst tendieren. Der Mythos „Nicht in Krisenzeiten gründen“ hängt denke ich generell stark von den Details ab. So ist es mit vielen anderen Mythen über den Berufsalltag von Unternehmensgründer:innen und Selbstständigen.

#1 Als Selbstständige/r arbeitest du rund um die Uhr

Selbstständige arbeiten selbst und vor allem ständig, heißt es so schön. Tatsächlich ist dieser Mythos gar nicht so weit von der Realität entfernt. Gerade in der Startphase (und die kann ein paar Jahre dauern) des eigenen Unternehmens beziehungsweise der Selbstständigkeit sind 60 bis 80 Stunden pro Woche und 7-Tage-Wochen keine Seltenheit. Es muss zunächst ein Kundenstamm aufgebaut und Aufträge gesichert werden, Investor:innen gewonnen und so weiter. Der Unterschied zu einer/m Angestellten ist aber, dass du nicht für das Unternehmen und damit die Ideen von jemand anderem arbeitest, sondern für dein Unternehmen und deine Ideen. Diese Tatsache motiviert und spornt an, so sehr, dass du weniger Freizeit durchaus in Kauf nimmst.

#2 Als Selbständige/r kann ich machen, was ich will

Theoretisch ja, praktisch möchtest du aber mit deinem Unternehmen Erfolg haben und dafür brauchst du zahlende Kund:innen. Daher wird dein Fokus vor allem darauf liegen, diese Kundschaft auf- und auszubauen und das bedeutet – abhängig von deiner Branche – eben auch, dass du Aufträge annimmst, die vielleicht weniger prestigeträchtig sind, als zunächst angenommen. Gerade wenn du im Dienstleistungs- oder Agenturbereich arbeitest, solltest du dir eines bewusst machen: Du arbeitest für deine Kund:innen. Das bedeutet dein Fokus sollte stets darauf liegen, was deine Auftraggeber:innen möchten – nicht deinem persönlichen Geschmack.

#3 Selbstständige haben keine Freizeit

Das deckt sich ein wenig mit Punkt 1, denn wer viel arbeitet, der hat als Konsequenz daraus auch weniger Freizeit. Allerdings: Wie bereits gesagt ist es bei vielen Selbstständigen und Unternehmensgründer:innen so, dass du die eigenen Interessen und Lebensinhalte zu deiner Karriere machst. Insofern verschwimmt oft die Grenze zwischen Freizeit und Arbeit. Aus eigener Erfahrung kann ich dir aber sagen: Je erfolgreicher dein Unternehmen ist, desto eher kannst auch du dir als Chef:in mal eine Auszeit oder einen Brückentag gönnen.

#4 Als Selbstständige/r musst du dich nicht mehr mit nervigen Kolleg:innen herumschlagen

Es mag zwar stimmen, dass du als Selbstständige/r keine anstrengenden Kolleg:innen mehr hast, allerdings tauschst du diese im Zweifel aber nur gegen anstrengende Kund:innen. Oder – je nach Größe deines Unternehmens – Mitarbeiter:innen. Wie immer, wenn du mit Menschen arbeitest, besteht das Potenzial für sowohl bereichernde als auch herausfordernde Kontakte. Von beiden lässt sich aber viel lernen.

#5 Selbständige arbeiten, wann und wo sie wollen

Ja und nein. Natürlich kannst du dir theoretisch aussuchen, zu welchen Tages- oder Nachtzeiten du als Selbständige/r arbeitest – praktisch ist es allerdings wenig zielführend deine Arbeitszeiten so zu legen, dass deine Kund:innen dich schwer bis gar nicht erreichen können. Natürlich hängt auch das wieder stark davon ab, in welcher Branche du tätig bist. Ein/e selbstständige/r Web-Designer:in muss sich sicher während des laufenden Projekts öfter und mehr mit Kund:innen abstimmen als etwa ein/e Programmierer:in für Webapplikationen. Was den Arbeitsort betrifft, kommt es ebenso auf die Branche an, aber natürlich sind besonders Kreative oder IT-Dienstleister:innen hier sicher freier in der Wahl ihrer Arbeitsumgebungen als etwa Architekt:innen.

#6 Startups von Frauen sind weniger erfolgreich als Startups von Männern

Das ist tatsächlich ganz grundsätzlich falsch. Denn: Ja, Frauen gründen seltener als Männer und haben es auch schwerer an Risikokapital zu kommen – das bedeutet aber nicht, dass Gründerinnen deshalb weniger Erfolg mit ihren Unternehmen haben als Gründer. Tatsächlich zeigt eine Studie der internationalen Arbeiterorganisation (ILO), dass frauengeführte Unternehmen im Schnitt etwa 20 Prozent mehr Umsatz machen als die mit Männern in Führungspositionen. Die Herausforderungen und Chancen von Gründer:innen habe ich bereits ausführlich in folgendem Artikel behandelt: Warum Gründen nicht reine Männersache bleiben darf

#7 Unternehmer:in kannst du nur mit einem abgeschlossenen Studium werden

Hier lautet die Antwort ebenfalls: Ja und nein. Natürlich benötigst du für Berufe, die du ohne eine spezifische Qualifikation nicht ausüben darfst, wie zum Beispiel Rechtsanwält:in oder Architekt:in, einen entsprechenden Studienabschluss. Aber gerade in den Bereichen IT und Marketing, wie etwa Programmierer:innen, Web-Designer:innen, Social-Media-Manager:innen oder Marketing Manager:innen, gibt es durchaus viele Quereinsteiger:innen ohne entsprechenden Studienabschluss. Ähnlich sieht es auch bei Coaches, Fitness-Trainer:innen oder Onlinehändler:innen aus. Ob du einen Studienabschluss benötigst, hängt also stark von deiner Berufswahl ab und muss nicht entscheidend für Erfolg oder Misserfolg als Selbstständige/r beziehungsweise Unternehmensleiter:in sein.

#8 Selbstständige verdienen überdurchschnittlich viel Geld

Diesen Mythos muss man sehr differenziert betrachten, denn ja: Generell haben Unternehmer:innen gute Chancen, im Schnitt mehr zu verdienen als Angestellte. Allerdings musst du dabei das Gefälle zwischen Honoraren und die Vielzahl von Steuern, Abgaben und auch Rücklagen für das Alter, die auf dich zukommen, beachten. Zu letzterem  zählen unter anderem: Krankenversicherung, Gewerbesteuer, IHK-Beiträge, Umsatzsteuer, diverse Versicherungen und so weiter. Brutto ist für Selbstständige also nicht gleich netto und um mit allen Abgaben von den Honoraren leben zu können, braucht es auch ein entsprechend hohes und vor allem regelmäßiges Einkommen.

Fazit: Ob Mythos oder Wahrheit hängt oft von den Umständen ab

Wie die meisten der behandelten Punkte zeigen, liegen Mythos und Wahrheit nicht selten nah beieinander. Meine Empfehlung an jede/n, der über den Schritt in die Selbstständigkeit nachdenkt, ist daher zunächst einmal ein gut ausgearbeiteter Business-Plan, der sowohl Chancen als auch Herausforderungen der jeweiligen Branche, sowie das vorhandene Kapital berücksichtigt. Und natürlich auch der Gedanke an eine Berufshaftpflichtversicherung für deine jeweilige Branche, denn gut abgesichert startet es sich besser. Übrigens: ein bisschen „Blauäugigkeit“ gehört meiner Meinung nach schon auch dazu – und dass meine ich durchaus im positiven Sinne – denn wer alles bis in Letzte durchdenken will, wird nie starten…

Tipp: Wem das „Alles-oder-nichts-Prinzip“ für den Start in die Selbstständigkeit zu unsicher ist, für den stelle ich in meinen Artikel Gründen im Nebenerwerb – Das braucht ihr für den perfekten Start in die Selbstständigkeit eine Alternative vor.

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